Der Gemeindekirchenrat
Senftenberg. den 28. September 1933

In Senftenberg waren Gerüchte verbreitet, dass Herr Rechtsanwalt Dr. Reyersbach in seiner Eigenschaft als Notar mehrfach Leute veranlasst habe, aus der Kirche auszutreten. Diesen Gerüchten ist der Gemeindekirchenrat pflichtgemäß nachgegangen. Richtig ist, dass Herr Rechtsanwalt Dr. Reyersbach mehrfach, in drei Orten, Kirchenaustrittserklärungen öffentlich beglaubigt hat. Niemals konnte aber festgestellt werden, dass der Anwalt jemanden veranlasst hat, aus der Kirche auszutreten.

Nach seinem ganzen Auftreten und bisherigen Verhalten ist auch nicht anzunehmen, dass Herr Rechtsanwalt Dr. Reyersbach jemals Propaganda gegen die Kirche gemacht hat. Er hat unseres Wissens weder Versammlungen von Freidenkern besucht noch etwa solchen Vereinen als Mitglied angehört. Er zahlt für seine Ehefrau, die zu unserer Kirche gehört, seit seiner Verheiratung Kirchensteuern.

Für den Gemeindekirchenrat besteht kein Zweifel daran, dass die Gerüchte, Herr Rechtsanwalt Dr. Reyersbach veranlasse Leute, aus der Kirche auszutreten, böswillig erfunden sind und verbreitet werden, obwohl dem Anfragenden erklärt ist, dass ein Notar sich nicht weigern dürfe, in gesetzlich zulässigen Fällen seines Amtes zu walten, auch wenn ihm vielleicht der betreffende Akt, der zu beglaubigen ist, persönlich nicht angenehm ist. Mir ist bekannt, dass auch von dem zuständigen Beamten des Amtsgerichts Senftenberg zahlreiche Kirchenaustritte, teilweise auch ausserhalb Senftenbergs, beurkundet sind, obwohl der betreffende Beamte Mitglied des Gemeindekirchenrats und der Kreissynode ist und wohl kaum in den Verdacht kommt, Antikirchenpropaganda zu betreiben, obwohl diese Annahme dann ebenso naheliegend wäre. I

m hiesigen Bezirk wohnen in der Hauptsache Arbeiter mit niedriger Entlohnung. Die Kirchenaustrittsbewegung war daher vor Jahren stark, sicher zum Teil aus steuerrechtlichen Gründen. Viele Ausgetretene haben bereits wieder zur Kirche zurückgefunden.

gez. Lehnert
Superintendent.

arrow siehe auch Gedenken an die Reichspogromnacht am 11. November 1938