Immer  wieder  mal  liest  man  von  Leuten,  die  es  am  eigenen  Leib ausprobiert  haben:  eine Woche,  einen Monat  lang leben von Hartz IV, ganz streng, möglichst  auch ohne die Vorteile und Sicherheiten, die sich nicht  sofort  am Kontostand ablesen lassen. Ich habe auch mal  mit  dem Gedanken  gespielt.  Aber  eigentlich  glaube  ich  nicht  so  recht  an  den Lerneffekt der Übung. Allein schon, weil ich nicht aus meiner 750.- Euro Mietwohnung ausziehen muss;  weil  ich Privatpatient  bleibe;  weil  meine ordentliche Pension weiter pünktlich auf dem Konto eintrifft.

Mein Ruhestand unterscheidet sich schon sehr von den Alltagssorgen jener Witwe  aus  dem Thüringischen.  Ihre  Kleinrente  reicht  vorn  und  hinten nicht.  Für Spendenappelle von „Brot für die Welt" ist  sie eigentlich die falsche Adresse.
Die Christenlehre-Kinder, die bei ihr klingeln, können das nicht wissen. Ihr  Ziel:  mindestens  32.-  Euro  sammeln  für  ein  „Brot  für  die  Welt"Jugendprojekt in Costa Rica. Denn dann winkt als Prämie ein Fußball aus Fairem Handel für die
Jugendgruppe der Gemeinde. Die alte Frau versteht: „Eigentlich  muss  ich  ja  genau  rechnen.  Aber  50  Cent  kann  ich  noch abgeben.“
Ich habe von der  kleinen Begegnung an der  Wohnungstür erfahren.  50 Cent?  X-mal  jede  Woche  hinterlasse  ich  diesen  Betrag  oder  auch  ein Mehrfaches,  ohne  großes  Nachdenken  und  Rechnen:  ein  bescheidenes Trinkgeld,  eine  Zeitung  im  Vorbeigehen,  eine  Spende  in  den Instrumentenkasten eines Straßenmusikanten...
50 Cent für „Brot für die Welt"? Da geniere ich mich. Wenn schon, denn schon. Aber  die  50  Cent  der  alten  Christin  aus  Thüringen  gehören  zu  einer anderen  Währung.  Eine  Währung,  zu  deren  Wert  sich  Jesus unmissverständlich geäußert hat.

 

Harald Rohr, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei Brot für die Welt