Liebe Gemeinde,

über die Geschichte der Kirche und der Christenheit wissen wir, so könnte man meinen, bestens Bescheid. Es ist alles erforscht!

Und doch gab es 2008 eine große Überraschung. Archäologen entdeckten in den berühmten Katakomben von Rom sehr frühe Gräber aus dem 2. und 3. Jahrhundert. Dort sollen sich die ersten Gemeinden aus Angst vor Verfolgung versammelt haben. Manche Forscher meinen, dass dies wegen der Enge und der Gerüche kaum denkbar sei. Aber Zeichen und Zeichnungen wurden auf den Wänden entdeckt, die auf christliche Spuren hinweisen. Es sind nicht Kreuze zu sehen, aber ein Fisch, der jemanden aus seinem Rachen speit: Jonas, der nach drei Tagen im Bauch des Wales wieder das Licht der Welt erblickte. Ein Hinweis auf die Auferstehung Jesu, der am dritten Tag auferweckt wurde.


zum Vergrößern anklicken!

Und dann ist da ein Mensch gezeichnet, der ein Schaf auf dem Nacken trägt. Ein Hirte, wie ihn der Psalm 23 malt, mit einem Bild des Behütetseins. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Im Leben und Sterben bin ich getragen und begleitet. Vermutlich ist es der „gute Hirte“ aus Johannes 10, der sein Leben für die Schafe einsetzt, der sich der verlorenen Schafe annimmt. So stellt sich Jesus dort vor.
Ganz im Gegensatz zu den Hirten, die nur ihren „Job“ machen, und sich bei der kleinsten Gefahr auf und davon machen, die nur den eigenen Vorteil suchen und am Ende nichts weiter als Diebe und Räuber sind.
Das Relief unseres Holzbildhauers Ryszard Zając zeigt uns ein Bild vom wahrhaft guten Hirten. Einladend wartet er und sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr unter den Lasten euch beugt, darunter leidet, ich will euch tragen helfen. Hier bei mir könnt ihr ablegen, was euch beschwert, die endlosen Sorgen, die Angst und Verzweiflung, hier findet ihr Ruhe, einen Raum zum Aufatmen!“

Suchen I

Ich suche
eine Insel
wo man atmen kann
und träumen
daß die Menschen gut sind

Rose Ausländer

Die Hände, zum Segen weit nach oben erhoben, schließen alle ein:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Das Auge Gottes will uns sehen als Menschen, die im Grunde alle zusammen gehören, an einen Tisch, als Schwestern und Brüder einander an die Hand gegeben.

Da gibt es keine Aussätzigen, Verdammten oder schwarzen Schafe – nur Verlorene.

Das verlorene Schaf

Ein Gleichnis für religiöse Erzieher.

Ein Schaf fand ein Loch im Zaun und kroch hindurch.
Es war froh, abzuhauen.
Es lief weit weg und fand nicht mehr zurück.Und dann merkte es, dass ihm ein Wolf folgte.
Es lief und lief, aber der Wolf blieb ihm auf den Fersen, bis der Hirte kam, es aufnahm und liebevoll zurück in den Pferch trug.
Und trotz allen Drängens weigerte sich der Hirte, das Loch im Zaun zu vernageln.

Eines der schönsten Worte der Bibel steht, finde ich, in Johannes 10, 10:

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben, überreich!“, sagt Jesus da.

Jesus meint mit dieser Fülle nicht den Wohlstand, noch den Kontostand, nicht einen besonderen Rang oder Macht über andere zu haben.

Es geht ihm nicht um Erfolg, Gewinn oder Sieg, aber um die Fülle des Lebens. Oder besser: um ein erfülltes Leben, trotz mancher unerfüllter Wünsche, wie Bonhoeffer sagt.

Jesus bringt ewiges Leben, das frei macht, auch in den „Wüsten des Lebens“ zu vertrauen, mir wird nichts mangeln.

Das „Leben in Fülle“ steht einem gebrochenen Leben entgegen, das unablässig von Krankheit und Tod bedroht ist, das von einem auf den anderen Augenblick erlöschen kann und zu Staub und Asche wird.

Das Leben in Fülle bringt Jesus für alle die an der Leere des Lebens so bitter leiden.

Da wo Jesus einlädt blüht das Leben auf, wachsen Beziehungen, erwacht die Liebe.

Bleiben Sie behütet! Ihr Pfarrer

Manfred Schwarz