„Alle sind sie Edelsteine!“

Seltsam wirkt der Mann, der mit einer Pappschachtel unterwegs ist. Er zieht durch die Städte und über die Dörfer in Osteuropa in den 30-iger Jahren.
Die Leute wundern sich, warum er so lange auf den Straßen und Marktplätzen der Orte herumsteht. Was er wohl im Karton hat? Die Leute sagen, er wäre ein Tuchhändler  auf  Durchreise.  Und was er  da mit  sich trägt,  das  sind seine Waren.

kirche0117In Wahrheit steckt in der Schachtel eine Kamera. Er muss sie verbergen. Denn das biblische Bilderverbot nehmen die frommen Juden sehr ernst. Sie würden das Fotografieren nicht zulassen, vor allem die Rabbiner und niemals in der Synagoge. So ist es schwer für ihn zu fotografieren, heimlich, mit versteckter Kamera.
Ein anderes Mal vergrößert er sein Knopfloch im Wintermantel, so, dass die Linse durchpasst, während die Kamera unsichtbar bleibt.
Roman Vishniac (1897-1990) agiert unter Lebensgefahr. Oft wird er verhaftet oder es werden ihm seine Fotos von den Behörden beschlagnahmt. Von den 16.000 Aufnahmen werden am Ende nur 2.000 übrig bleiben.  Er weiß,  dass diese Welt des osteuropäischen Judentums verschwinden wird. Er ahnt nicht, wie schnell und grausam es kommen wird, oder doch? Eines weiß er, er kann sein  Volk  nicht  retten.  Aber  er  kann  dokumentieren  was  geschieht,  die Erinnerung retten an diese „Verschwundene Welt“.  Unter diesem Titel wird ein Teil  seiner Fotos in der Peter-Paul-Kirche gezeigt.  Mit  jedem einzelnen Menschen verschwand damals auch eine tiefe Religiosität und die besondere Form der chassidischen Frömmigkeit.
Aber auch manche kostbare Weisheit,  noch zu erahnen und lebendig in den Weisheitsgeschichten, die Martin Buber gesammelt hat.
Eine  davon  erzählt:  Einst  sagte  Rabbi  Baal-Schem-Tow:  „Es  gibt  wahre Edelsteine,  die  offenbar  sind,  und  jedermann  kann  ihren  Glanz,  ihre  in verschiedenen Farben strahlenden Lichter sehen und ihre Echtheit erkennen: Es sind die wahrhaft chassidischen Juden. Wieder gibt es falsche Edelsteine: Es  sind  die  `gefärbten´  und  heuchlerischen  Frommen.  Schließlich  gibt  es Edelsteine, versenkte Schätze im Sande, die man nicht gleich als Edelsteine erkennen kann:  Das sind Juden,  die sich leichtfertig den wüsten Begierden und Leidenschaften hingeben,  die Vorschriften des Gesetzes nicht  befolgen, wohl aber in ihrem Herzen den Schatz der Menschenliebe tragen.“
Er  hielt  einen Augenblick inne und setzte dann hinzu:  „Aber  alle sind sie Edelsteine!“